Historische Stadtführung Berlin-Friedrichshain - merkwürdige Erfahrung
Am 19. September 2026 habe ich mit meiner Frau an einer Gruppenführung teilgenommen, die vom Vorsitzenden des "Friedrichshainer Geschichtsverein Hans Kohlhase e.V." durchgeführt wurde. Der Vereinsvorsitzende stellte sich als Historiker vor. Thematisch sollte es um die Geschichte der ehemaligen "Großen Frankfurter Straße" gehen (heute Karl-Marx-Allee). Mehrere Ausführungen des Vereinsvorsitzenden waren - vorsichtig ausgedrückt - merkwürdig und haben nicht nur bei uns, sondern auch bei anderen Teilnehmern kritische Reaktionen ausgelöst. Drei Beispiele:
Der Vereinsvorsitzende stellte die gewaltsame Niederschlagung des Arbeiteraufstands 1918/1919 in seinem Bezirk als das drittgrößte Verbrechen auf deutschem Boden nach dem Zweiten und dem Ersten Weltkrieg dar - eine Darstellung, die ein neutraler Historiker kaum wählen würde.
Der Vereinsvorsitzende äußerte allgemeinpolitisch, in der deutschen Verwaltung herrsche eine „Kultur der Korruption“. Ich habe ihn auf den pauschalen und un-differenzierten Inhalt dieser Aussage angesprochen mit dem Hinweis, das klänge doch sehr nach „Verschwörungstheorie“, er würde damit allen öffentlichen Bediensteten in Bund, Ländern und Kommunen strafbares Verhalten vorwerfen. Das veranlasste den Vereinsvorsitzenden dazu, seine Einschätzung zur flächendeckenden „Kultur der Korruption“ nochmals zu bekräftigen.
Zum Thema „Wohnungsnot in Berlin“ vertrat der Vereinsvorsitzende die Auffassung, die Wohnungskonzerne müssten enteignet werden. Als ein Teilnehmer darauf hinwies, dies werde erhebliche Kosten für Entschädigungen nach sich ziehen, meinte der Vereinsvorsitzende, zwar seien Entschädigungen im Grundgesetz vorgesehen, aber da „müssen wir auch noch ran“.
Meine Wahrnehmung während der Führung war es, dass der Vereinsvorsitzende ganz offensiv seine extremen Positionen vertrat, was für eine Stadtführung unangemessen ist. Das Auftreten des Vereinsvorsitzenden überrascht zumindest dann nicht mehr, wenn man im Internet recherchiert und liest, dass er zufolge eines Wikipedia-Eintrags ein langjähriger hauptamtlicher Mitarbeiter des MfS war.
Auch die Texte im Internetauftritt des "Friedrichshainer Geschichtsverein Hans Kohlhase e.V." vermitteln den Eindruck, dass der Verein ein "gefärbtes" Geschichtsbild hat. Das sollte man bedenken, wenn man sich für eine Führung interessiert.
